Missa solemnis b-Moll, WAB 29 (1854)

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Missa solemnis b-Moll, WAB 29 (1854)
Soli, vierstimmig gemischter Chor, Orchester und Orgel

AGA XV (Haas, 1930 - zusammen mit dem Requiem)
AGA 15/2 (Haas, 1931 - nur Missa solemnis, Studienpartitur)
NGA XV (Nowak, 1975)

Ferdinand Habel hat in den 1930er Jahren, ausgehend von der Haas-Partitur, sowohl den Klavierauszug wie auch das Aufführungsmaterial der Missa solemnis besorgt. Wie er im Vorwort zu der Studienpartitur der Haas-Ausgabe ausführt, hat er dabei einige zwar nicht besonders wichtige aber dennoch befremdende Änderungen vorgenommen, indem er die Art und Weise, wie Bruckner an einigen Stellen den Text angeordnet hat, geändert hat. Am auffälligsten ist dies im Kyrie: Normalerweise sind die drei Anrufe "Kyrie eleison" - "Christe eleison" - "Kyrie eleison" in der Liturgie und so auch in den Messvertonungen streng geteilt, aber Bruckner hat sie aus irgendeinem Grund leicht vermischt. Habel hat hier korrigierend eingegriffen, indem er die strenge liturgische Dreiteilung wiederhergestellt hat, als "von der Liturgie gefordert" - man vergleiche etwa die Takte 17-25 und 33-38). Nowak hat in seiner Ausgabe diesen Eingriff wieder beseitigt.

Van Zwol Bruckner-Biografie 685f.




 




Die Aufnahmen im Überblick
Es macht wenig Sinn, hier von einem historischen Überblick zu sprechen, denn es gibt bisher nur vier Aufnahmen und alle entstanden vermutlich innerhalb eines Jahrzehnts (das Aufnahmedatum der Einspielung von Günther lässt sich nicht mit Gewissheit eruieren), nämlich zwischen 1980 und 1990. Für diese geringe Beliebtheit der Missa solemnis lassen sich diverse Gründe finden. Sie steht in kompositorischer Hinsicht deutlich zwischen den ersten einfachen Messen der Jugendzeit und den drei "großen" Messen, verrät einerseits kompositorisches Können in der Behandlung des Chores und auch des Orchesters, hat aber noch keinen eigenen Ton, zollt der Tradition der Wiener Klassik ihren Zoll und mutet dadurch in ihren Teilen manchmal etwas "disparat" an, ist also für die Interpreten weniger "dankbar" als die letzten drei, verlangt aber wohl einen ähnlich großen Apparat wie bei diesen - also ein relativ großer Aufwand bei weniger "Bruckner". Dennoch enthält sie bereits in nuce den späteren Bruckner, vor allem bei dem Bestreben, dramatische Geschehnisse zu schildern, aber auch technisch bei der Stimmführung - große Tonsprünge sind auch in dieser Missa keine Seltenheit.

Wie bei der ersten und der zweiten Messe ist auch hier der Anfangssatz von Gloria und Credo nicht auskomponiert worden: In der Tradition der während des Gottesdienstes gesungenen Messe wirde dieser erste Satz vom Zelebranten in einem gregorianischen Modus intoniert, und diese Gepflogenheit ist vom Komponisten so mitbedacht worden - und deshalb muss er auch in einer konzertanten Aufführung der Messe erklingen. In den unten besprochenen Aufnahmen hat nur Günther völlig auf ihn verzichtet, während Jürgens ihn merkwürdigerweise beim Credo auslässt.

In Bezug auf die Aufführungsdauer liegen drei der vier Einspielungen relativ nahe beieinander: Hausmann ist mit 35'33 am langsamsten, Jürgens braucht 34'53, Günther 34'22 - dieses Unterschieds wird sich der Hörer aber kaum bewusst, höchstens dass Hausmann etwas gemessener klingt als die beiden anderen. Rickenbacher dagegen ist mit 30'44 hörbar schneller als die anderen.

Zwischen ca. 1976 und 1981 nahm Günther drei LPs mit damals wenig gespielten Vokalwerken von Bruckner auf. Dadurch gehört ihm das Verdienst diverser Ersteinspielungen, u.a. der Missa solemnis. Leider standen ihm offenbar weder die künstlerischen noch die aufnahmetechnischen Mittel zu Gebote, diese Aufnahmen zu einem befriedigenden künstlerischen Erlebnis zu machen. Sein (nichtprofessioneller) Chor erzeugt zwar Masse, singt aber zu wenig subtil, seine Solisten übersteigen nirgendwo das gute Mittelmaß, und das begleitende Orchester der Missa solemnis, das belgische Rundfunk-Orchester, gehörte damals in die unterste Liga: fiepsende Streicher, plärrende Trompeten wie bei einer Dorffanfare, kein homogener Klang - und dann eine allem Anschein nach überforderte Aufnahmetechnik, die keine Balance herzustellen vermag oder Dinge zu verschleiern versteht; vom Credo an scheint sich die Akustik geändert zu haben, mit mehr Raumklang, was an manchen Stellen zu einem Klangbrei führt. Das Unglück wird dann noch dadurch vervollständigt, dass die Pressung der LPs katastrophal ist. Das Traurige an der Sache ist, dass Chor, Solisten und Dirigent versucht haben, ihr Bestes zu geben, und deshalb verdient die Aufnahme Beachtung. Sie ist außerdem interessant durch ein nicht-interpretatorisches Phänomen: Wie auch Hausmann und Jürgens hat Günther die Chor- und Orchesterstimmen Habels der Aufführung zugrundegelegt (Nowak war ja erst einige Jahre zuvor erschienen), so dass man in allen drei Einspielungen ein der Liturgie angepasstes Kyrie zu hören bekommt (was nur auffällt, wenn man die Partitur danebenhält). Der Chor klingt schwerfällig und diffus, ist aber relativ zuverlässig. Im Gloria schmettern die Trompeten immer wieder über den Chor und den Rest des Orchesters hinaus und zerstören jeden harmonischen Zusammenklang. Der Bass singt sein Solo in "Qui tollis" viel zu laut für ein mp und klingt außerdem pathetisch, im "Quoniam" singen Sopran und Tenor den Alt an die Wand. Die kunstvolle Schlussfuga singt der Chor mit viel Brio aber auch etwas unbeherrscht. Im Sanctus kommt der Interpretation jeder Zusammenhalt abhanden: Der Chor intoniert unsauber, die Streicher spielen ungenau und die Trompeten sollten sich bei einem Militärorchester bewerben. Im Benedictus fallen eingangs die schmierenden und ungenau spielenden Geiger auf, der Sopran singt mit einem unschönen Vibrato. Die Aufnahme vermittelt einen ersten Eindruck von der Messe, kann aber sonst überhaupt nicht befriedigen.

Die Aufnahme unter Hausmann (1983) hat es, ebensowenig wie die unter Günther, nie zu einer CD-Neuausgabe gebracht, obgleich sie um vieles besser ist. Auch hier ein nichtprofessioneller (Kirchen-)Chor, außerdem ein nichtprofessionelles (Pfarr-)Orchester,aber das Ergebnis überzeugt. Die Aufnahme ist gut ausbalanciert, der Chor steht zentral, das Orchester wird etwas abgedeckt, es gibt keine schmetternden Trompeten. Hausmanns Aufnahme ist mit 35'33 die langsamste, aber der Unterschied zu Jürgens (34'53) und Günther (34'22) ist nicht groß. Im Gloria gibt es im "Qui tollis" ein schön gesungenes Bass-Solo, begleitet von Solo-Oboe und Solo-Cello, zu hören, das "Quoniam" klingt hell und heiter und beherrscht (im Gegensatz zu Günther), mit einem gut aufeinander abgestimmtes Solistenquartett; letzteres gilt z.B. auch für "Et incarnatus est" im Credo. Immer wieder kann man feststellen, dass der Chor sehr präzise und alert singt. "Et resurrexit" ist voll beherrschter Heftigkeit und lässt die entsprechende Stelle etwa in der 2. und 3. Messe bereits ahnen. Das "Amen" bildet den festlichen, majestätischen Abschluss, in bester Tradition der Wiener Klassik. Auch das Benedictus mit seinem ruhig fließenden ("Moderato"), überströmenden Melos berührt die Sinne. Hier wird auf sehr hohem Niveau musiziert, aber man hört, wie sich der Chor anstrengen muss, was ihm mit großer Disziplin aber nicht ganz souverän gelingt: Hier wird der Unterschied zu den professionellen Chören bei Jürgens und Rickenbacher spürbar. Dennoch eine beachtliche Leistung, die man sich mit großer Freude anhört.

Ein Jahr später, 1984, entstand die Einspielung von Jürgens, eine deutsch-israelische Koproduktion. Beim Anfang des Kyrie bleibt man gebannt auf seinem Stuhl sitzen; es ist deutlich langsamer als bei Günther und Hausmann, hier wird nicht nur versucht, den Noten gerecht zu werden, sondern hier wird, dem Text entsprechend, eine Bitte ausgedrückt und man spürt die Emphase, die diese Interpretation prägt, nicht nur des Kyrie, sondern der ganzen Messe. Der Chor singt die Partitur scheinbar mühelos, mit einem Höchstmaß an Ausdruck. Im Gloria entfaltet sich das Solistenquartett mit sich schön zusammenfügenden Stimmen, die auch in höheren Lagen wohllautend sind. Das "Qui tollis" wird lyrisch und andachtsvoll gespielt und gesungen - einer der Höhepunkte dieser Messe. Die Fuga am Schluss wirkt schwerelos und heiter, aus lauter Freude am Singen. Im Credo beeindruckt im "Et incarnatus est" erst ein zart gesungenes Solistenquartett, dann singt der Chor höchst expressiv das dramatische "Crucifixus", das bereits die späteren Credos Bruckners erahnen lässt. Letzteres gilt ebenfalls für das "Et resurrexit", dessen Wechsel von f - ff - p -Passagen einen dramatischen Klimax schafft, der nur von den späteren Credos überboten wird. Das Sanctus swingt, besonders das "In osanna"; der Vergleich mit Hausmann, der diesen kurzen Satz ähnlich langsam singen lässt, macht den Unterschied zwischen beiden Aufnahmen deutlich: Wo Hausmann eher korrekt-vorsichtig klingt, weckt Jürgens fast den Eindruck der Schwerelosigkeit. Das Benedictus ist bei Jürgens deutlich langsamer als in den anderen Einspielungen (Jürgens 05'04, Günther 04'07, Hausmann 04'19, Rickenbacher sogar 03'19) und so klingt die Musik zart und innig, wozu selbstverständlich auch die umflorte Altstimme entscheidend beiträgt. Die Aufnahme klingt warm und natürlich. Alle Stimmen des Chores sind gleich gut verständlich, das Orchester ist eher diskret anwesend, ist deutlich da, aber der Chor steht, anders als bei Günther, im Mittelpunkt. Natürlich ist das ein Balanceakt, und er gelingt auch nicht immer, wie im "Qui tollis" (Gloria), wo die Stimme des Solo-Cello weniger gut hörbar ist. Dennoch ist diese Aufnahme eine Sternstunde der Bruckner-Rezeption!

Rickenbacher (1990) hat die bisher mit Abstand schnellste Einspielung vorgelegt: mit 30'44 ist er fast 5 Minuten schneller als Hausmann, der langsamste im Bunde (das heißt nicht, dass auch alle Sätze der Messe bei ihm die schnellsten sind: Günther ist im Kyrie einige Sekunden schneller, Hausmann braucht im Sanctus eine halbe Minute weniger - was aber kaum ins Gewicht fällt). Was nach den anderen Einspielungen sofort auffällt, ist die ausgezeichnete Aufnahmetechnik: Der Chor steht zentral, das Orchester ist gut hörbar ohne aufdringlich zu sein. Und noch ein anderer Unterschied wird vielleicht hörbar: Die unterschwellige Emotionalität, wie sie bei Jürgens spürbar wurde, lässt sich hier nicht feststellen. Hier kein religiöser Akt, keine Messe, sondern ein Konzert. Das Gloria zeichnet sich durch fast theatralisches Gepränge aus - Jürgens war da deutlich zurückhaltender. Die Trompeten sind gut hörbar, aber sie fügen sich in das Gesamtklangbild ein. Das Trio zwischen Bass, Oboe und Cello in "Qui tollis" erreicht ein wunderbar schwebendes Gleichgewicht; wie bei Jürgens klingt die Schlussfuge souverän. Das "Crucifixus" im "Et incarnatus est" (Credo) klingt in dieser Aufnahme in seiner Wiederholung drohend, das folgende "Judicare, vivos et mortuos" beschwört in der Heftigkeit, mit der es gesungen wird, die Schrecken des Jüngsten Gerichtes auf - bei Bruckner ein beliebter Topos. Obgleich sich Rickenbacher gewissenhaft an die dynamischen Vorschriften hält, baut er beim "Et expecto" ein Crescendo bis zum ff des "resurrectionem" ein, was sehr effektvoll ist, so aber nicht in der Partitur steht (wobei man allerdings bedenken muss, dass Bruckner in der Missa solemnis noch sehr zurückhaltend mit dynamischen Zeichen war, so dass manche der Angaben von seinen Herausgebern stammen). Immer wieder fällt auf, dass Rickenbacher die dynamischen Abstufungen subtil umsetzt, das ist bereits so im Kyrie, aber z.B. auch im Sanctus, wo die Stufenleiter p - mf - f - ff sorgfältig beachtet wird. Das Agnus Dei lässt ein heiteres "Dona nobis" hören, aber das letzte "pacem", das Jürgens und Hausmann mit p aushauchen lassen, klingt bei Rickenbacher unerwartet lauter als erwartet. Jürgens und Rickenbacher lassen die beiden anderen Aufnahmen deutlich hinter sich, und es hängt letztendlich vom persönlichen Geschmack ab, welcher der beiden Einspielungen man den Vorzug gibt. Beide stehen auf hohem musikalischem Niveau, Rickenbacher liefert ein Konzert mit ausgezeichnetem Klang, Jürgens scheint sich immer der Tatsache bewusst zu sein, dass er eine Messe aufführt, bei der Lobgesang und Demut sich gegenseitig ergänzen. 
 


Spyridon Dolianitis
Philharmonic Society Mantizaros (Brassband, Korfu)
Aufnahmedatum: 18.4.2011 Live
Aufführungsdauer: *02'59
Ausgaben: Video: YouTube
Bem.: Es betrifft eine Bearbeitung des Agnus Dei aus der Missa solemnis von Jos van den Braak unter dem Titel Adagio.

Hubert Günther
Gerda Höfer, Ingrid Günther, Günter Robens, Guido Scheer
Rheinische Singgemeinschaft, BRT-Radio-Sinfonie-Orchester Brüssel, Wolfgang Thiel (Orgel)
Aufnahmedatum: ca. 1980 (© 1982) (Brüssel, St. Michiels-Kathedrale)
Aufführungsdauer: *34'22 (02'44, 07'36, 12'30, 01'53, 04'07, 05'32)
Ausgaben: LP: Garnet G 40 170

Elmar Hausmann
Kazumi Kohno, Hyon-Hi Bang, Alva Tripp, Günther Massenkeil
Chorgemeinschaft und Orchester an der Basilika St. Aposteln Köln, Hans Vest (Orgel)
Aufnahmedatum: 4/1983
Aufführungsdauer: *35'33 (02'58, 08'13, 13'09, 02'10, 04'19, 04'44)
Ausgaben: LP: Aulos AUL 53569

Jürgen Jürgens
Cilla Großmeyer, Mira Zakai, Wilfred Jochens, Assen Vassilvev
Monteverdi-Chor Hamburg, Israel Chamber Orchestra
Aufnahmedatum: 2./3.7.1984 (Jerusalem, Dormitio-Abtei)
Aufführungsdauer: *34'53 (03'34, 08'11, 12'19, 02'05, 05'04, 05'40)
Ausgaben: LP: Jerusalem Records ATD 8503 (Bruckner Archive Production); CD: BSVD-0109 (erhältlich bei abruckner.com)

Karl Anton Rickenbacher
Christiane Oelze, Claudia Schubert, Jörg Dürmüller, Reinhard Hagen
Chor der Bamberger Symphoniker, Bamberger Symphoniker
Aufnahmedatum: 2+11/1990
Aufführungsdauer: *30'44 (02'50, 07'17, 10'28, 01'36, 03'19, 05'14)
Ausgaben: CD: Virgin Classics VC 7 91481, Virgin Classics CDC 59060, Virgin Classics 61501, Virgin Classics 5 61252 2, Hänssler Profil PH 13007 (Anton Bruckner - The Collection, 20 CD, vol. 17)


Toni Scholl
Polizeimusikkorps Baden-Württemberg
Aufnahmedatum: 2009
Fassung/Partitur: Bearbeitung Jos van de Braak
Aufführungsdauer: 03:18 (Fragment)
Ausgaben: CD: Baton Music / Mirasound (Transcriptions)
Bem.: Bearbeitung des Agnus Dei unter dem Titel Adagio from Missa Solemnis