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Einführung / Introduction

Einführung / Introduction


 

Die Bruckner-Diskografie seit 1971

Dass sich Bruckners Musik zunehmender Beliebtheit erfreut, beweisen die vielen Tonaufnahmen, die vor allem seit den 80er Jahren erscheinen. Konnte Weber noch seine Diskografie von Bruckners Gesamtwerk 1971 in hektografierter Form auf 26 Seiten veröffentlichen, so umfasste Lovallos Diskografie, die 1991 in Buchform erschien, bereits 200 Seiten, und heutzutage bietet John Berky's Bruckner-Website einen umfassenden Überblick über mehr als anderthalb tausend Aufnahmen nur des Orchesterwerks. Um es an einem Beispiel festzumachen: kannte Weber 1971 26 Aufnahmen der 7. Symphonie, so sind es bei Lovallo 54, und John Berky führt Anno 2012 mehr als 350 Aufnahmen auf. Und um ein Beispiel von dieser Website über das Vokal- und das Instrumentalwerk Bruckners zu nehmen: Locus iste, Bruckners wohl beliebteste Motette, kommt bei Weber 12mal vor, bei Lovallo 39mal und auf dieser Website über 450mal... Diese explosionsartige Entwicklung liegt ungefähr zeitgleich mit dem Aufkommen der CD und konsumentenfreundlicher Aufnahmemöglichkeiten (etwa DAT-Recorder oder PC), die sich besonders die Hersteller von Pirateneditionen, aber auch kleinere, weniger kapitalkräftige Chöre und Ensembles zunutzemachen; auch die Möglichkeit, Aufnahmen ins Netz zu stellen, besonders mp3-Aufnahmen und neuerdings auch Videoclips, trägt zur Verbreitung der Palette bei. Das Angebot fluktuiert fortwährend, und sich einen Überblick über die Aufnahmen zu verschaffen, gelingt kaum noch. Buchpublikationen können hier nicht mehr mithalten, und so bietet sich das Web als Publikationsmittel mit fortwährender Aktualisierungsmöglichkeit an.

Diese Website konzentriert sich auf das Vokalwerk und das Instrumentalwerk Anton Bruckners. Wer sich über die Aufnahmen von Bruckners Symphonien und sonstigen Orchesterwerken informieren will, sei auf die ausgezeichnete und immer wieder auf den neuesten Stand gebrachte Website von John Berky (http://www.abruckner.com/) verwiesen; hier gibt es auch Downloads älterer (LP-)Aufnahmen, hier kann man bestimmte ansonsten schwer erhältliche CDs kaufen und normale CDs über die Website bei jpc, Arkiv oder Amazon bestellen, usw. - konkurrenzlos! 

Sowohl die Diskografie von Bruckners Orchesterwerken wie die seiner Vokal- und Instrumentalwerke vermitteln einen Überblick über die mittlerweile weltweite Rezeption Anton Bruckners. Wurde Bruckner noch bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts hauptsächlich im mitteleuropäischen Raum gespielt, so erklingt seine Musik jetzt auf allen Kontinenten - das gilt ins besondere für das symphonische Oeuvre, aber auch die Vokalwerke, vor allem die Motetten, erfreuen sich steigender Beliebtheit, von Kanada bis nach Australien, von Japan bis nach Lateinamerika.


Die Diskografie des Vokalwerks

Die Diskografie der Chorwerke Anton Bruckners zeigt besonders bei den kleineren Chorwerken manchmal eine Fülle an Aufnahmen auf. Bei vielen dieser Aufnahmen handelt es sich dabei allerdings um LPs oder CDs mit einem Sammelprogramm von Chorwerken diverser Komponisten mit nur einem oder höchstens zwei kleineren Werken von Bruckner. Interessanter sind selbstverständlich solche LPs oder CDs, die sich ganz oder zum großen Teil auf Bruckner konzentrieren. Wichtigster Bestandteil der meisten dieser Anthologien sind die Motetten, weniger die anderen, vor allem weltlichen Chorwerke. Vor allem von den Motetten sind seit den 1970er Jahren viele Ausgaben erschienen, mit sowohl bekannten wie unbekannten Dirigenten.

Die Diskografie der Chorwerke hat eine lange Geschichte aufzuweisen, ist doch das erste Bruckner-Werk überhaupt, das aufgenommen wurde, die Motette Locus iste, die 1910 (oder vielleicht schon 1907) vom Chor der Wiener kk. Hofmusikkapelle eingespielt wurde. Die neue Technik war vorläufig vor allem für kleinere Werke geeignet, und so nimmt es nicht wunder, dass in den 1920er und 1930er Jahren (manchmal ist eine genauere Datierung aufgrund zerstörter Archive schwierig) einige andere Motetten folgten,  vor allem unter den Chorleitern Pius Kalt mit dem Chor der St. Hedwigskathedrale und Ludwig Berberich mit dem Münchner Domchor. Und obgleich es in den 20er Jahren bereits gelang, längere Werke aufzunehmen (z.B. 1924 das Adagio aus der Achten Symphonie unter Klemperer oder 1928 die Siebente Symphonie unter Horenstein), wurde von den großen Chorwerken nur die 2. Messe - unter Hermann Odermatt, vermutlich 1930 - vollständig aufgenommen, ansonsten nur einige kurze Fragmente: Felix Gatz 1928 mit zwei Fragmenten aus dem Te Deum, Pius Kalt vor 1925 mit dem Gloria aus der 1. Messe und Ludwig Berberich ca. 1931 mit einigen Fragmenten aus der 2. Messe - vollständige Aufnahmen dieser Werke hatten bis in die 1950er Jahre zu warten So erschien das Te Deum unter Joseph Messner 1949 bzw. Eugen Jochum 1950, die 1. Messe 1954 unter F. Charles Adler, die 2. Messe 1957 unter Karl Forster und die 3. Messe ca. 1952 unter Ferdinand Großmann. Karl Forster hat mit seinen Aufnahmen des Te Deum und der 2. und 3. Messe (zwischen 1956 und 1962) Maßstäbe gesetzt, und auch Hans Gillesberger hat sich in den frühen sechziger Jahren, ungefähr zeitgleich mit Jochum, mit seinen Aufnahmen der 2. Messe und diverser Motetten um Bruckner verdient gemacht.

Es handelt sich bei den genannten Aufnahmen ausnahmslos um die bekanntesten Chorwerke Bruckners - die weniger bekannten hatten länger, manchmal viel länger, zu warten. Das ist etwa der Fall bei den frühen Messen, die Bruckner 1842-1844 schrieb, also etwa zwanzig Jahre vor seiner ersten großen Messe d-Moll: die Windhaager Messe, die Bruckner mit 18 schrieb, wurde erst 1973 in ihrer Originalgestalt eingespielt, die Choralmesse und die Messe ohne Gloria und Credo hatten sogar bis 1990 bzw. 1998 zu warten; das Requiem von 1849 erschien 1970 (Schönzeler) und 1972 (Jürgens), von der Missa solemnis von 1854 erschienen Anfang der 80er Jahre plötzlich drei Aufnahmen. Von den fünf Psalmen, die Bruckner vertonte, hat es nur der Psalm 150 - bezeichnenderweise ein Spätwerk - zu einiger Bekanntheit gebracht und wurde bereits ca. 1950, zusammen mit Psalm 112, aufgenommen (Swoboda); von den Psalmen 22 (Farnberger 1997) und 146 (Riedelbauch ca. 1973) gibt es noch immer erst zwei bzw. eine Einspielung, und 114 wurde 1987 erstmals eingespielt (Best). Auch bei den kleineren geistlichen Werken gibt es noch welche, die nicht oder kaum in der Diskografie vertreten sind, die drei Asperges etwa, oder die beiden Totenlieder,  von denen erst zwei Aufnahmen existieren.

Anders als bei der Diskografie der Symphonien gibt es keine "Gesamtausgabe" der Chorwerke, nicht einmal der geistlichen Chormusik, geschweige denn der weltlichen Chormusik. Dafür gibt es diverse Gründe. Zum einen handelt es sich hier um Werke aus allen Lebensabschnitten Anton Bruckners, vom jungen Schulgehilfen bis zum reifen Meister, und so reicht die Skala vom Studienwerk bis zum Meisterwerk. Zum anderen handelt es sich vor allem bei den weltlichen Chorwerken zum Teil um Gelegenheitsarbeiten, die den Anlass ihrer Entstehung manchmal nicht übersteigen. Und schließlich sind noch nicht alle dieser Werke in Druck erschienen. Die umfangreichsten Sammlungen auf LP bzw. CD stammen von Eugen Jochum und Matthew Best und konzentrieren sich auf die geistlichen Chorwerke - also das Te Deum, die drei großen Messen (nicht die kleinen!), eine Auswahl aus den bekanntesten Motetten (Jochum 10, Best 12), einen (Jochum) bzw. drei (Best) Psalmen und im Fall von Best das Requiem und die beiden Aequale. Beide Ausgaben haben trotz ihres unterschiedlichen Interpretationsansatzes Referenzstatus bekommen.

Dadurch, dass er in seinen Aufnahmen sowohl der Symphonien wie des Chorwerks Standards gesetzt hat, erscheint Jochum vielen als der Bruckner-Dirigent schlechthin. Die meisten anderen Bruckner-Dirigenten bewegen sich nur sehr zögerlich auf dem Parkett der Chormusik, wenn überhaupt - von Günter Wand z.B. gibt es keine einzige Bruckner-Aufnahme außhalb des symphonischen Oeuvres, andere Dirigenten nehmen gelegentlich eins oder zwei der bekannten Chorwerke auf und lassen es dabei bewenden. Vor allem das Te Deum erweist sich als beliebter Exkurs in die Brucknersche Chormusik: von den Bruckner-Dirigenten sind Asahina, Barenboim, Celibidache, Haitink, Karajan, Kegel, Klemperer, Matacic, Rögner, Wallberg, Walter, Welser-Möst die bekanntesten Namen. Nur Asahina (3. Messe), Barenboim (2. und 3. Messe), Blomstedt (3. Messe), Chailly (3. Messe), Celibidache (3. Messe), Rögner (2. und 3. Messe) und Welser-Möst (3. Messe) haben gelegentlich noch andere große Chorwerken von Bruckner aufgenommen; fasst man den Begriff Bruckner-Dirigent etwas weiter, kommen noch Davis (3. Messe) und Mehta (Te Deum und 2. Messe) hinzu. Eine Ausnahme ist Herreweghe, der, vom Vokalwerk herkommend (2. und 3. Messe und einige Motetten), sich das symphonische Oeuvre angeeignet hat. Das Vokalwerk ist ansonsten das Tummelfeld der Spezialisten, der Chordirigenten.

Vor allem seit den 1980er Jahren ist eine Reihe von Aufnahmen erschienen, die neue Maßstäbe gesetzt haben durch das Niveau der Interpretation wie manchmal auch durch die Programmauswahl, wodurch sie mitgeholfen haben, den Kanon zu erweitern. Hubert Günther und Jürgen Jürgens haben um 1980 diverse wenig gespielte größere Chorwerke eingespielt: die Missa solemnis (Günther, Jürgens), das Requiem (Günther), das Magnificat (Jürgens), die drei Fassungen des Ave Maria (Günther) und einige der wenig gespielten geistlichen (Jürgens) und weltlichen (Günther) Lieder. Andere Dirigenten kombinierten auf CD altbekannte Motetten mit weniger bekannten geistlichen Liedern und/oder mit einer der frühen Messen: so nahm Robert Shewan die drei Fassungen des Ave Maria, Das deutsche Lied und Germanenzug auf, Franz Farnberger das Magnificat, das Requiem und den Psalm 22, Joseph Pancik die Choralmesse, Hans-Christoph Rademann die Windhaager Messe, Rupert Gottfried Frieberger die Choralmesse, die Windhaager Messe und einige selten gespielte geistliche Lieder, Petr Fiala sogar alle fünf Fassungen des Tantum ergo. Andere Dirigenten konzentrierten sich auf die bekannteren Werke, die sie mit großer Sorgfalt erarbeiteten, wie etwa Erwin Ortner, der das Te Deum, die großen Messen und eine Reihe von Motetten aufgenommen hat, oder Helmut Rilling, der das Te Deum, die 2. und die 3. Messe, den 150. Psalm und einige wenige Motetten einspielte. Repräsentative Anthologien mit Motetten dirgierten u.a. Hans Zanotelli (1979), Martin Flämig (1985) und Robert Jones (1994). 

Bei der weltlichen Vokalmusik ist die Auswahl an Aufnahmen viel kleiner. Dieses Repertoire ist erst viel später erschlossen worden und daher noch relativ unbekannt; nur Trösterin Musik erfreut sich einer gewissen Beliebtheit - aber die über 30 Aufnahmen dieses Werkes bieten natürlich noch keinen Vergleich mit der weit höheren Aufnahmefrequenz mancher geistlichen Chorwerke! Abgesehen von LPs oder CDs, die das eine oder andere weltliche Chorwerk in einem breiter gefächerten eher traditionellen Bruckner-Programm bieten, gibt es bisher nur einige CDs, die einen Querschnitt durch die weltliche Vokalmusik bringen, die von Guido Mancusi (1997) und die von Thomas Kerbl (bisher 3 CDs, 2009-2012): beide Dirigenten bieten eine ganze Reihe von Ersteinspielungen, im letzteren Fall durch sehr ausführliche und informative Beihefte unterstützt - bei diesen unbekannten Werken sehr nützlich.

Ist die Auswahl an Aufnahmen weltlicher Chormusik bereits ziemlich dürftig, von dem guten Dutzend an Liedern für Solostimme gibt es bisher nur vereinzelte Einspielungen.


Das instrumentale Werk

Von Bruckners instrumentaler Musik hat sich das Streichquintett als erstes einen Status erobert - die beiden ersten fonografischen Ausgaben erschienen kurz nacheinander: die Aufnahme des Prisca-Quartetts 1937, die des Strub-Quartetts vermutlich 1940. Unklar ist die Entstehungszeit der Aufnahme des Philharmonic String Quintet Vienna, die meistens auf etwa 1950 datiert wird, nach der Meinung anderer aber auch deutlich älter sein könnte.

Bruckners beliebtestes Kammermusikwerk ist ohne jeden Zweifel dieses Streichquintett: es gibt zur Zeit 32 Aufnahmen, die Bearbeitungen nicht eingerechnet - diese betreffen außerdem meistens nur den 3. Satz, das Adagio, der für Streichorchester oder Orgel gesetzt wurde. An guten Einspielungen herrscht kein Mangel. Neben den älteren, interpretatorisch wie klanglich noch immer überzeugenden (und inzwischen auch auf CD herausgebrachten) Aufnahmen des Koeckert-Quartetts (1952) wie des Amadeus-Quartetts (1964) gibt es neuere, wie z.B. die des Vienna Philharmonia Quintets (1974), des Melos-Quartetts (zwei Aufnahmen, etwa 1975 und 1992), des Leipziger Quartetts (2004) oder als bisher vorletzte die des Fine Arts Quartet (2007), die, ebenso wie die von L'Archebudelli (1994), auf einer CD das gesamte bisher veröffentlichte Werk für Streichquartett und -quintett bietet. Das Streichquartett ist gegenüber dem Streichquintett eher stiefmütterlich behandelt worden, was gewiss damit zusammenhängt, dass es als Kompositionsstudie geschrieben wurde und die Noten erst seit den 1950er Jahren greifbar waren: die erste Einspielung fand erst 1962 statt.

Auch das Orgel- und das Klavierwerk können auf eine weniger lange fonografische Geschichte zurückblicken. Zweifellos hängt dies damit zusammen, dass in beiden Fällen editorisch erst noch sehr viel Arbeit geleistet werden musste. Die Orgelwerke waren anfangs alle einzeln erschienen, und da außerdem von manchen von ihnen die Urheberschaft Bruckners zweifelhaft oder gar fragwürdig war bzw. noch immer ist, dauerte es bis 1970, bis eine erste Gesamtausgabe (Hans Haselböck) erschien, und erst 1999 erschien die maßgebliche Ausgabe von Erwin Horn, der auch eine allseits sehr positiv empfangene Gesamteinspielung lieferte (1990). Die ersten Aufnahmen (Fuge d-Moll und Vorspiel und Fuge c-Moll) hat Leonid Roizman um 1960 gemacht. Da Bruckner nur einige wenige Werke für Orgel hinterlassen hat, muss, mangels Masse, bei einer CD-Gesamtaufnahme immer mit anderen Werken kombiniert werden (Horn hat sich da mit Arrangements einzelner symphonischer Sätze geholfen), was Organisten bzw. CD-Firmen möglicherweise zögern lässt. Die anderen Einspielungen des Orgelwerks stammen denn auch alle aus den 1960er/70er Jahren, also aus dem LP-Zeitalter - das relativ kleine Orgeloeuvre (knapp 30 Minuten!) eignete sich eher für die geringere Spieldauer einer LP: Alois Forer (1965), Kurt Rapf (ca. 1969), Franz Haselböck (1972), Heinz Lohmann (1974), Augustinus Franz Kropfreiter (1976?) und Herwig Jansen-Wedekind (1978?). Keine dieser Editionen wurde bisher auf CD herausgebracht. Franz Haselböck hat als Kuriosität einige kleine Präludien, deren Autorschaft Bruckners fragwürdig ist, auf Harmonium eingespielt, u.a. auf Bruckners eigenem Instrument.

Komplettes Neuland war die CD mit Klaviermusik von Anton Bruckner, die Wolfgang Brunner und Michael Schopper 1995 aufnahmen - bis dahin gab es nur Erinnerung in Aufnahmen von Jörg Demus (1961) bzw. Leslie Howard (1981). Bei Bruckners Klavierwerken handelt sich zumeist um kurze Stücke für Klavier zwei- und vierhändig, meist Werke, die Bruckner für seine Klavierschüler schrieb, ziemlich anspruchslos und bieder. Dass man manchen dieser Werke allerdings auch eine andere, "spannendere" Sicht entlocken kann, bewies Fumiko Shiraga (2001), die neben zweihändigen Original-Klavierwerken auch den 2. Satz der Siebenten Symphonie in der historischen Klavierbearbeitung von Cyrill Hynais, einem Bruckner-Schüler, aufnahm. Bruckner schrieb nur ein Kammermusikwerk für eine andere Besetzung, nämlich Abendklänge für Violine und Klavier, ein kurzes Stück Stimmungsmusik, von dem zwar Rundfunkmitschnitte aber erst eine kommerzielle Aufnahme existiert.


Die beliebtesten Chor- und Instrumentalwerke Bruckners

Sagt die Häufigkeit, mit der ein Werk aufgenommen worden ist, etwas über seine Beliebtheit? Nur bedingt - der Markt spielt selbstverständlich eine große Rolle, daneben können aber auch Zufallsaspekte mitspielen, namentlich bei kleineren Werken. Die folgende Liste mit Angaben über die Häufigkeit, mit der diverse Werke Anton Bruckners phonografisch verbreitet wurden, sollte also näher analysiert werden.

(Stand März 2012)
Te Deum                  100
1. Messe                   14
2. Messe                   65 (einige nicht-verifizierbare japanische Aufnahmen nicht mitgezählt)
3. Messe                   48
Requiem                   16

Locus iste                580
Ave Maria                 425
Os justi                    295
Christus factus est    250
Virga Jesse               140
Vexilla regis               65

Streichquintett            33 (+ 3 Bearbeitungen für Streichorchester)
Perger Präludium         55
Vorspiel und Fuge c     33
Erinnerung                 11
2 Aequale                   47
(Die hohen Anzahlen sind leicht abgerundet worden, weil sie regelmäßig in Bewegung sind; es geht nur um eine Indikation)

Das Te Deum erfreute sich bereits zu Bruckners Lebzeiten großer Beliebtheit, und die hat sich gehalten. Bei den Messen ist der Unterschied im Beliebtheitsgrad ziemlich groß. Die 2. und 3. Messe überzeugen anscheinend mit Dramatik und Melodik; bei der 2. Messe kommt hinzu, dass sie auf Solisten und einen großen Orchesterapparat verzichtet, wodurch auch Chöre, die sich einen großen finanziellen Aufwand nicht leisten können, diese Messe zur Aufführung bringen können - wie die Liste der Aufführungen nahelegt. Bei den Motetten ist die Streuung sehr groß; die a cappella-Motetten sind führend, die Motetten mit Instrumentalbegleitung rangieren weit unten auf der Liste, wobei sowohl die vielleicht weniger eingängige Melodik wie die Abhängigkeit von instrumentalen Solisten (und damit extra Kosten) ausschlaggebend gewesen sein können. Selbstverständlich ist die oben aufgeführte Liste mit Aufnahmefrequenzen eine relative Größe: man kann das Requiem was seine Popularität angeht nicht mit dem Te Deum vergleichen; dass aber ein Werk, das bis vor einigen Jahrzehnten wenig Beachtung fand, es mittlerweile auf 16 Einspielungen gebracht hat, sagt einiges über die Wandlungen in der Bruckner-Rezeption aus, denn die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1970 und die späteren Aufnahmen verteilen sich gleichmäßig über die Jahrzehnte danach - also kein Modetrend, sondern stetiges Interesse. Während bei den Orgelwerken das Perger Präludium C-Dur der deutliche "Gewinner" ist, macht eine solche Unterscheidung bei den Klavierwerken keinen Sinn: Erinnerung hat auf diversen Klavier-LPs bzw. -CDs quasi als "Bis-Nummer" einen Platz gefunden, gewissermaßen repertoiremäßig als origineller Lückenbüßer - es muss also anscheinend nicht immer Rachmaninovs berühmte Prelude sein... Auffällig ist die Beliebtheit der beiden  Aequale: sie gehören zu den kürzesten Werke Bruckners und dauern im Schnitt zwischen anderthalb und zwei Minuten, aber sie sind als Trauermusik durchaus reizvoll und können zudem ein Motettenprogramm auflockern.


Ausweitung des Repertoires

Nicht nur die Anzahl der Bruckneraufnahmen steigt, das Bruckner-Repertoire auf Tonträger geht auch zunehmend in die Breite: Es werden schon lange nicht mehr nur das Te Deum, die Messen Nr. 2 und 3, einige beliebte Motetten und das Streichquintett aufgenommen und herausgebracht, sondern auch weniger bekannte Werke erscheinen jetzt auf CD, und diese Tendenz scheint steigend zu sein. Dabei muss man bedenken, dass mehr als hundert Jahre nach Bruckners Tod noch immer diverse kürzere Werke nicht in Druck erschienen sind und in Archiven schlummern, wie Cornelis van Zwol in seiner sehr informativen (aber leider nur in niederländischer Sprache zugänglichen!) Artikelserie ausgeführt hat. Um diese Sachlage zu illustrieren, sind in der Diskografie quasi als Fingerzeig diverse Titel aufgeführt, von denen es noch keine Aufnahmen gibt bzw. die noch nicht einmal in Druck erschienen sind - für entdeckungsfreudige Interpreten ein interessantes Terrain!

Auch andere Ensembles als die, die Bruckner in Gedanken hatte, haben sein Werk für sich entdeckt und sich angeeignet: vor allem das vokale und instrumentale Werk ist Gegenstand einer zunehmenden Anzahl von Transkriptionen. Beliebt sind die Motetten (auch hier ist Locus iste stark vertreten, neben anderen, auch unbekannteren Motetten), das Adagio des Streichquintetts und manche Orgelwerke. Ausschlaggebend für eine Bearbeitung scheint nicht in erster Linie der Beliebtheitsgrad des ursprünglichen Werkes zu sein, sondern dessen harmonisches Potential, wie etwa die Wahl von drei Tantum ergo für eine Bearbeitung für Harmonieorchester zeigt. Die meisten dieser Bearbeitungen sind für Blechbläserensembles in verschiedener Formation und Größe; vor allem in den USA mit ihrer starken Brassbandtradition ist dieser Trend deutlich sichtbar, Europa und Japan folgen. Reizvoll ist die CD Bruckner in Cathedral (2008) von Milos Bok und seinem Hornensemble mit Bearbeitungen nicht nur diverser Motetten, sondern auch der Windhaager Messe. Daneben gibt es auch eine Reihe von Aufnahmen mit Bearbeitungen für Orgel, wobei die Transkriptionen von Erwin Horn als Trendsetter aufgetreten sind. Und wer Bruckner mit Klangvolumen assoziiert, wird sich eines Besseren belehren lassen müssen: neuerdings gibt es sogar Aufnahmen mit Bearbeitungen von Motetten (Vexilla regis: Quartet New Generation) und von Orgelwerken für Blockflötenensembles! Auch erste "verpoppte" Transkriptionen für elektronische Orgel inklusive aufpeitschender Beatrhythmen ( etwa des 1. Teiles des Te Deum!) haben sich als mp3 im Internet angemeldet.


Bruckner und der Markt

Manche Trends sind nicht musikalischer, sondern wirtschaftlicher oder technischer Art. Zu der ersten Kategorie gehört die Erkenntnis, dass Bruckner ein Artikel ist, der sich vermarkten lässt. Für andere Komponisten wie etwa Bach oder Mozart gilt das schon länger, und wenn ein Bach- oder Mozartjahr angesagt ist, wird der Markt mit Aufnahmen des jeweiligen Komponisten überschüttet. Das Phänomen ist nicht erst von heute oder gestern, wie, als Beispiel aus mehreren, die Zahl der Mozart-LPs aus dem Mozartjahr 1956 zeigt. Als sich 1974 Bruckners Geburtstag zum 150. Mal jährte, zeigte sich die Schallplattenproduktion nicht beeindruckt: die Anzahl an Bruckner-LPs aus 1974 ist nicht wirklich größer als die von 1973 oder 1975. 1996, beim hundertsten Todestag, zeigt eine andere Situation; gegenüber den Bruckner-Aufnahmen von 1995 hat sich die Zahl neuer Aufnahmen 1996 verzweieinhalbfacht, und dann ist 1997 wieder ein ausgesprochen "flaues" Jahr. Wenn es um neue Aufnahmen geht, sind die "großen" Label daran allerdings kaum beteiligt; meistens handelt es sich um Ausgaben kleiner Label oder um Ausgaben der Ensembles selbst (die überhaupt in der Diskografie eine wichtige Rolle spielen); würde man die Neuausgaben älterer Aufnahmen - eine häufige Taktik der offiziellen Label, um ohne großen Aufwand Einnahmen einzufahren - miteinbeziehen, sähe die Lage wahrscheinlich anders, sprich: viel kommerzieller aus. Richtige "Gedenkausgaben" mit neueren Aufnahmen gibt es 1996 nur in zwei Fällen: Weinberg Records bringt eine vom Repertoire her (Windhaager Messe, Streichquartett, Lieder, Klavierwerke) sehr interessante CD, Kammermusikalische Kostbarkeiten von Anton Bruckner, heraus, deren Breitenwirkung allerdings leider begrenzt gewesen sein dürfte, und die CD Gedenkkonzert 1000 Jahre Österreich - 100. Todesjahr Anton Bruckners, mit u.a. der 2. Messe (Blue Rain). Hier zeigt sich die Bedeutung eines internationalen Werbeapparats: auch die Aufnahmen von z.B. Frieberger, Ortner, Welter oder Wolf, alle aus 1996, sind außer deren "Fans" nur den Bruckner-Sammlern bekannt, während Gardiner, Rilling, Mangersnes oder das Prazak-Quartett über längere oder kürzere Zeit in den Regalen internationaler CD-Geschäfte standen, ohne für die Bruckner-Rezeption wichtiger zu sein.

Das Phänomen der Pirateneditionen gibt es schon seit den 1960er Jahren (damals nannte man sie bootlegs). Das Phänomen drehte sich meistens um bestimmte (Pult-)Stars, deren Live-Aufnahmen gesucht waren. Die Schallplattenindustrie führte und führt einen erbitterten Kampf gegen solche Verletzungen des Urheberrechts und das meistens mit Recht. Während die "klassischen" europäischen und amerikanischen Piratenlabel wie etwa Fonit Cetra, Arkadia oder Disques Refrain vermutlich aufgrund verschärfter Urheberrechtsregeln ihre Tätigkeit eingestellt haben, haben sich neue Label besonders im südostasiatischen Raum etabliert,  die den Markt mit illegalen, meistens überteuerten, z.T. sehr aktuellen Live-Mitschnitten überschwemmen; Aufnahmeort und -datum stimmen nicht immer, das Herstellungsland wird oft verschleiert oder gar falsch abgegeben ("Made in U.S.A."), und angesichts solcher betrügerischen Unzuverlässigkeit in bezug auf die gemachten Angaben muss man sich generell die Frage stellen, wer die Authentizität der angebotenen Aufnahmen gewährleistet. Seit etwa zwei Jahrzehnten boomt das Geschäft und dreht sich nicht nur mehr um Starsänger oder -dirigenten, sondern auch um Komponisten. Zumindest Bruckner scheint in Japan ein großes Geschäft zu sein; allerdings erfreuen sich zwar seine Symphonien bei den Piraten großer Beliebtheit, seine vokalen und instrumentalen Werke aber viel weniger, was u.a. darauf zurückzuführen sein mag, dass bei ihnen nur selten "große" Dirigentennamen mit im Spiel sind.

Für die großen Schallplattenfirmen gilt als oberstes Prinzip für ihre Ausgabenpolitik deren Wirtschaftlichkeit. Das bedeutet u.a., dass alte Aufnahmen, vor allem wenn sie mono sind, nicht wieder aufgelegt werden, weil das Marktsegment zu klein ist. Hier ist eine Nische für kleine ambitionierte Firmen, manchmal sogar für einzelne, technisch versierte Musikliebhaber: Alte Aufnahmen, deren Rechte erloschen sind (Aufnahmen von vor 1962?), die aber musikhistorisches Interesse beanspruchen, werden von ihnen sorgsam auf CD umgesetzt; da sie normalerweise nicht auf die Mutterbänder zurückgreifen können, sind gut erhaltene Schallplatten die Basis. Meist werden solche CDs nur in kleinem Umfang vertrieben. Hier geht es, anders als bei den Pirateneditionen, nicht um das große Geld, sondern scheint eher musikalische Begeisterung eine Rolle zu spielen - als Beispiele seien die Neuausgaben des Streichquintetts durch das Koeckert-Quartett und der ersten Te Deum-Aufnahme von Jochum (1950) bei dem Label Forgotten Records erwähnt.


Vom Schellackschätzchen zum Videoclip

Technische Entwicklungen haben ebenfalls zu einer Erweiterung des Marktes geführt, und zwar durch eine revoltionäre Entwicklung bei den Formats. Bisher war der Tonträger immer "materieller" Art, war materiell greifbar; die Musik wurde festgelegt auf - in chronologischer Reihenfolge -Schellackplatten, LPs in diversen Variationen, Musikkassetten, CDs, Videobänder (VHS), Laserdisc, DVDs, SACDs. Seit diversen Jahren gibt es nun auch mp3, ein Komprimierungsverfahren, das wenig Speicherkapazität verlangt; dadurch kann es leicht per Internet verschickt werden. Da die Komprimierung mit einem Verlust an Klangqualität einhergeht, gibt es daneben auch "no loss"-Formats, die einen ausgezeichneten Klang - eben "ohne Verlust" - gewährleisten können. Es ist mit Hilfe bestimmter Computerprogramme relativ leicht, mp3s herzustellen, und so blühen hier der illegale Handel und das Tauschgeschäft. Mp3 wird aber nicht nur im illegalen Circuit benutzt. Vor allem Chöre stellen zu Werbezwecke gelegentlich unentgeltlich einige eigene Aufnahmen meist kleineren Umfangs als mp3 (oder ähnlichen Komprimierungsformaten wie etwa wma) ins Netz, um sich so einem größeren Publikum vorzustellen. Der Musikliebhaber kann sie herunterladen und etwa mit Items anderer Ensembles auf CD-R brennen, entweder als mp3 (auf einem mp3-Spieler abzuspielen) oder zu einem "normalen" Audio-Format konvertiert (auf einem normalen CD-Spieler abspielbar) - fast alles macht die Software. Die klangliche Qualität solcher Aufnahmen ist, abhängig von der Aufnahme selbst und vom gewählten Komprimierungsverfahren, sehr unterschiedlich. Quasi die Verlängerung dieser Politik sind die Videoclips, wie sie u.a. von YouTube gratis angeboten werden und sich großer Beliebtheit erfreuen. Viele dürften illegal sein, weil sie nicht vom Chor selbst als Rechtsinhaber ins Netz gestellt worden sind, sondern etwa von Fans. Außerdem sind dem Medium deutlich Grenzen gesetzt: besonders längere Werke waren bis vor kurzem technisch tabu, so dass nur Fragmente hochgeladen oder längere Werke ziemlich willkürlich und/oder ästhetisch unbefriedigend über diverse Bestände verteilt wurden, und außerdem erfordern diese Filme (im flv-Format) mehr Aufwand beim Kopieren. Die Qualität dieser Clips ist öfters grauenhaft, entweder interpretatorisch, oder in der künstlerischen Aufbereitung: filmisch ohne Konzept, wacklige Filmbilder, oder gar kein Film sondern nur ein statisches Bild oder gar nur eine Texttafel ohne Bilder, so dass das Medium des Videoclips hier nur als Transportmittel für Audioaufnahmen benutzt wird; auch die Klangqualität lässt sich manchmal nur als dürftig umschreiben. Das alles spräche gegen die Aufnahme solcher Clips in eine Diskografie - aber auch hier steht die Technik nicht still: Es werden mittlerweile auch längere Werke in guter Ton- und Bildqualität angeboten (etwa das Te Deum oder die Messe Nr. 2), und es gibt Software, die man gratis herunterladen kann, die diese Video-Bestände konvertieren und auf DVD überschreiben, so dass man - als Kompromiss - zumindest qualitativ wertvolle  Aufnahmen in die Diskografie aufnehmen könnte/müsste. Es gibt daneben auch Downloads, für die bezahlt werden muss und die von ausgezeichneter Qualität sein können; besonders jetzt, wo viele Ensembles keinen Schallplattenvertrag mehr haben und dadurch finanzielle Einbußen erleiden, werden solche Downloads als Ersatz für CD-Aufnahmen vom Ensemble oder dessen Vertreter angeboten und sind legal.


Angestrebte Vollständigkeit

Mehr noch als beim symphonischen Oeuvre Bruckners ist das Angebot an Aufnahmen bei dem vokalen und instrumentalen Werk schwer zu überblicken. Das hat verschiedene Gründe. Zum Teil handelt es sich hierbei um kleinere Werke, die oft in Kombination mit Werken anderer Komponisten herausgebracht werden, wodurch es keine reinen Bruckner-CDs mehr sind und deshalb sich schwieriger ermitteln lassen. Zum andern haben jetzt auch kleinere Ensembles die Möglichkeit, eine eigene CD herauszubringen, die dann oft nur im kleineren Kreis vertrieben wird, etwa unter Konzertbesuchern und Freunden, an der Abendkasse der Konzerte oder im Internet; sie liegen nicht in Musikgeschäften aus und haben auch nicht den Werbeapparat bekannter Label hinter sich; noch schwieriger ist es, wenn die Aufnahmen nur chorintern vertrieben werden. Dadurch wird die Arbeit des Diskografen teilweise von Zufallstreffern und von Glück bestimmt und ist er auf Hinweise anderer Interessenten angewiesen.

Das Anliegen jeder Diskografie ist die erwünschte aber gleichzeitig unerreichbare Vollständigkeit: eine Diskografie muss alle Aufnahmen aufführen, die durch ein Konservierungsverfahren - welcher Art auch immer - dem Publikum zugänglich sind oder waren. Aus diesem Grund gehören private Mitschnitte, die für ein eigenes Archiv oder vielleicht zum Tausch unter Gleichgesinnten angefertigt worden sind, nicht in eine Diskografie hinein (sie sind ja dem interessierten Publikum nicht zugänglich), Ausgaben jedoch, die illegal gemacht worden sind und zum Verkauf angeboten werden, wohl. Es gibt eine Grauzone, da man nicht immer entscheiden kann, inwieweit eine Ausgabe öffentlich zugänglich war/ist - chorinterne Ausgaben z.B. sind ein Grenzfall. Pirateneditionen unterscheiden sich musikalisch in nichts von legalen Ausgaben, so dass es keinen rationalen Grund gibt, sie aus einer Diskografie auszuschließen - eine Diskografie ist keine moralische oder ethische Instanz, man erwartet lediglich von ihr, dass sie möglichst vollständig und möglichst genau ist. Sobald eine Aufnahme auf dem Markt ist, zwingt der Vollständigkeitsdrang (oder -zwang?) gleichsam den Sammler, sie zu erwerben, und also muss sie vom Diskografen, der demselben Vollständigkeitszwang untersteht, diskografiert werden. Der musikalische Gewinn solcher Pirateneditionen liegt von Fall zu Fall anders. Wenn es von dem betreffenden Werk, eventuell unter einem bestimmten Dirigenten, keine oder kaum Aufnahmen gibt, ist es vom musikalischen Standpunkt aus durchaus verständlich und begrüßenswert, wenn eine solche Aufnahme angeboten wird, auch wenn sie illegal ist - wenn z.B. von dem Liederabend, den Claudia Barainsky Juni 2008 gab, wobei sie u.a. vier unbekannte Bruckner-Lieder sang und der vom Bayerischen Rundfunk gesendet wurde, eine Piratenausgabe erschienen wäre, wäre das zwar eine urheberrechtlich verwerfliche aber ansonsten erfreuliche Tatsache gewesen; wenn jedoch von Celibidache mittlerweile über 15 Aufnahmen der Achten Symphonie greifbar sind, die meisten als Piratenausgaben, manche dazu noch in miserabler Klangqualität, wird das Ganze fragwürdig. Allerdings ist das Vokal- und Instrumentalwerk, wie oben bereits angeführt, von solchen Piratenausgaben kaum betroffen.

Eine wichtige Informationsquelle, möglichst viele Aufnahmen zu eruieren, ist das Internet; mit Hilfe von Suchmaschinen lassen sich Aufnahmen ermitteln, die sonst eben nur im kleinen Kreis bekannt geworden wären. Trotzdem haben wir nur die Garantie, dass wir mehr, nicht dass wir alles erfahren. Außerdem sind Internet-Informationen manchmal leider widersprüchlich oder wenig präzise bzw. ungenau, und es ist nicht immer möglich, sie zu überprüfen und zu ergänzen; Bitten um nähere Auskünfte werden meist nur von seriösen und engagierten Instanzen beantwortet. Die Tatsache, dass manche Informationen in dieser Diskografie sehr unvollständig sind, ist auf diesen Umstand zurückzuführen. Um dieser Situation abhelfen zu können, werden noch viele Recherchen und Vergleiche erforderlich sein, und dabei ist die Hilfe anderer unentbehrlich.

Ein schwieriges Thema sind in diesem Zusammenhang die bereits angesprochenen Pirateneditionen: Da sie in vielen Ländern gegen die Urheberrechte verstoßen, ist der Vertrieb dort nicht erlaubt und findet auch keine Werbung statt, auch nicht im Internet. Oft enthalten nur private Websites vor allem aus Japan Hinweise auf solche Ausgaben; leider spielt hier oft das Sprachproblem - manche Websites erscheinen nur in japanischer Sprache - eine unüberwindliche Barriere. Allem Anschein nach erscheinen aber relativ wenig Pirateneditionen von Bruckners Vokal- und Instrumentalmusik, so dass sich unsere Unwissenheit in Grenzen hält. 

Angesichts solcher Umstände bleibt Vollständigkeit der Diskografie zwar angestrebt, lässt sich aber wohl nicht erreichen. 

Es wäre wünschenswert, wenn man alle eruierten Aufnahmen überprüfen könnte, sich nicht nur die Aufführung anhören und z.B. - falls sinnvoll - die eingespielte Fassung oder benutzte Partitur, die möglichst exakte Aufführungsdauer oder Besonderheiten der Interpretation feststellen könnte, sondern auch das Aufführungsdatum und den Namen des Labels und die Nummer verifizieren könnte. Dafür müsste man sich all diese Aufnahmen beschaffen können, was sich jedoch kaum realisieren lässt, nicht nur weil entlegene Aufnahmen sich vielfach nicht beschaffen lassen, sondern auch aus finanziellen Gründen: Viele der hier aufgelisteten Motetten z.B. sind einzeln auf LPs oder CDs mit Chorsammelprogrammen erschienen, die alle einzeln zu erwerben wären...


Informanten

Viele Musikliebhaber und Instanzen haben mich bei der Beschaffung von Daten, Materialien und Aufnahmen unterstützt. Besonders hervorheben und danken möchte ich, in alphabetischer Reihenfolge, folgende Personen:
Ulrich Baukloh
John Berky (www.abruckner.com), der die größte Bruckner-Website der Welt immer wieder auf dem neuesten Stand bringt, viel zur Verbreitung von Bruckners Werken beiträgt, dem ich viele seltene Aufnahmen und viele Informationen verdanke.
Réginald Hulhoven, der meine Texte immer wieder kritisch liest und mich auf Fehler aufmerksam macht, und der mit viel Akribie die englischsprachigen Bruckner-Eingänge von Wikipedia verfasst und immer wieder auf den neuesten Stand bringt.
Stig Jacobsson
Howard Jones
Huib Spoorenberg (der eine schöne Website mit einer Diskografie von Schuberts Zyklus Die schöne Müllerin unterhält: http://www.die-schoene-muellerin.nl)
Hans Simons †
Oma-Q Kaoru Suzuki
Ken Ward
Peter Wilms
John Wright †
Cornelis van Zwol
Auch Instanzen waren mir behilflich, besonders das Deutsche Musikarchiv in Berlin, und diverse deutsche und österreichische Rundfunkanstalten, die mir immer wieder genaue Aufführungsdaten zu Live-Aufnahmen beschafften, besonders der Bayerische Rundfunk, der Westdeutsche Rundfunk und der ORF (ORF-Archiv: Susanne Hruza). Auch manche Interpreten gaben bereitwillig Auskunft über ihre Aufnahmen.
Zum Schluss möchte ich Peter Dieperink danken, der mit seinem professionellen Wissen und nicht nachlassendem Einsatz bereit war und ist, mir bei der Gestaltung der Webseite behilflich zu sein (www.chair-man.nl)


Links

Selbstverständlich gibt es viele Webseiten, die sich in irgendeiner Form der Persönlichkeit und dem Werk Anton Bruckners widmen. Einen guten Überblick bietet http://anton-bruckner.heim.at/, von wo aus man direkt die diversen Sites besuchen kann. Es gibt auch eine japanische Bruckner-Site, The Anton Bruckner Friends of Japan (www.bruckner.jp), leider in japanischer Sprache, aber mit der Möglichkeit, eine Übersetzungsmaschine darauf loszulassen (was allerdings zu unfreiwilliger Komik führen kann!). Sie bietet manchmal Hinweise auf Neuerscheinungen.

Einige spezifische Sites, die beim Studium von Bruckners Vokal- und Instrumentalwerk hilfreich sein können, möchte ich hier allerdings vorstellen:

Die lateinischen Texte, die Bruckner seinen geistlichen Vokalwerken zugrundegelegt hat, finden sich - in Auswahl, leider nicht vollständig, aber meistens mit deutscher Übersetzung - auf diversen Sites:
Kathpedia. Die freie katholische Enzyklopädie: www.kathpedia.com
Wikipedia. Die freie Enzyklopädie: wikipedia.org/wiki
Texte lateinischer Gebete mit englischen Übersetzungen: www.preces-latinae.org/index.htm
Soweit greifbar, bietet diese Website die Texte in der Abteilung der Vokalwerke.

Informationen über die Kritische Gesamtausgabe von Bruckners Werk auf der Website des Musikwissenschaftlichen Verlags, Wien: www.mwv.at

Bei der Suche nach Noten kann die Website von Musica International hilfreich sein: www.musicanet.org/de/index.php

Einige Websites bieten Downloads von gratis Partituren an; An erster Stelle muss dabei die Website von IMSLP genannt werden, die mittlerweile zu nahezu allen Werken von Bruckner entweder Noten oder zumindest Notizen zu den Werken anbietet. Dabei handelt es sich bei den größeren Werken (etwa den Messen oder dem Streichquintett) vorwiegend um alte Ausgaben (z.B. Erstdruckausgaben), deren Rechte erloschen sind ('public domain'); manchmal betrifft es auch Faksimiles der Handschriften oder der Reinschriften (wie etwa beim Psalm 146), und von kleineren Werken gibt es neuerdings auch eigene neue Noten. Diese Ausgaben sind also nicht identisch mit denen des Musikwissenschaftlichen Verlags, sind aber dennoch sehr brauchbar:
http://imslp.org/wiki/Category:Bruckner,_Anton
Einige andere Websites bieten ebenfalls Downloads an, aber ihr Angebot ist viel bescheidener als das von IMSLP.

Österreichische Akademie der Wissenschaften
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien betreibt eine Bruckner-Website, die Kernthemen der Bruckner-Forschung vorstellt, wobei der Akzent auf Wien liegt; Biografie, Bibliografie, Handschriften, alte und neue Ausgaben, alles wird hier vorgestellt: www.bruckner-online.at

Forschungsinstitut: das abil
Auf der Website des Anton Bruckner Instituts Linz (abil) findet sich nicht nur das Anton Bruckner Werkverzeichnis (mit den WAB-Nummern), sondern auch die Bruckner-Datenbank Franz Scheders mit 16.000 Datensätzen - was da nicht drinsteht, ist nicht mehr interessant! www.abil.at
Ebenfalls ein Werkverzeichnis, das nach verschiedenen Gesichtspunkten (WAB-Nummer, Chronologie, Gattung, alphabetisch nach Titel) sortiert werden kann, bietet www.klassika.info/Komponisten/Bruckner. Diese Website wird mit Werbung finanziert.

Diskografie des symphonischen Oeuvres:
John Berky hat die Anton Bruckner Symphony Versions Discography zur weltweit umfangreichsten Bruckner-Website ausgebaut: abruckner.com. Hier gibt es nicht nur Informationen zu den unterschiedlichsten Aufnahmen von Bruckner-Symphonien, sondern hier gibt es viele Aufsätze zu lesen, es gibt den Download des Monats (Aufnahmen, deren Rechte nach US-Recht abgelaufen sind), einen Shop, usw.

Zeitschriften:
Die Internationale Bruckner-Gesellschaft gibt zweimal pro Jahr ein Heft Studien & Berichte heraus; Postanschrift: Frau Dr. Andrea Harrandt, p.A. Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Herrengasse 9, A-1010 Wien; andrea.harrandt@chello.at  (Mindestjahresbeitrag 10 €)
In England erscheint The Bruckner Journal (3 Hefte pro Jahr); Website der Zeitschrift: www.brucknerjournal.co.uk

Brucknerforen:
Wer sich gerne online mit anderen Bruckner-Freunden über die unterschiedlichsten Bruckner-Themen  unterhält, dem sei die Website Das 3. Ohr auf www.brucknerfreunde.at empfohlen: Hier gibt es viele Foren zu klassischer Musik, in die man einsteigen kann, und Bruckner spielt auf dieser Site eine große Rolle.

Wikipedia: Informationen über Bruckner und über einzelne Werke:
Das bereits oben zitierte online-Lexikon Wikipedia, Die freie Enzyklopädie, bietet in diversen Sprachen mehr oder weniger ausführliche Informationen zu Bruckner und den einzelnen Werken. Da jede Sprache ihre eigenen Mitarbeiter hat, setzen die einzelnen Beiträge der jeweiligen Sprache oft durchaus andere Akzente. Besonders ergiebig sind die deutschen, englischen und französischen Beiträge zu Bruckner:
Deutsche Wikipedia-Seiten: de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite
Englische Wikipedia-Seiten: en.wikipedia.org/wiki/Main_Page
Französische Wikipedia-Seiten: fr.wikipedia.org/wiki/Wikipédia:Accueil_principal
Die englischen und französischen Seiten profitierten von dem Wissen und dem Engagement Réginald Hulhovens.
 

Praktische Hinweise zur Benutzung der Diskografie

Die Werkangaben basieren in der Regel auf dem Bruckner-Handbuch (Hrsg. Uwe Harten) und auf den von Cornelis van Zwol verfassten Beiheften zu den CD-Ausgaben von Thomas Kerbl (Brucknerhaus, Linz). Die Abkürzung WAB verweist auf das Werkverzeichnis Anton Bruckner.

  1. Die Aufnahmen eines betreffenden Werkes werden alphabetisch nach dem Namen des Dirigenten (vor allem bei den Chorwerken), des Ensembles (vor allem bei den Werken für Streicher) oder des Solisten (vor allem bei den Liedern und den Werken für Orgel oder Klavier) angeordnet. Die Reihenfolge jeder diskografischen Beschreibung ist:
    * Dirigent bzw. Ensemble bzw. Solist
    * Ensemble: Chor, eventuell auch Orchester
    * Aufführungsdatum; bei Live-Aufnahmen auch, wenn bekannt, der Aufführungsort
    * falls möglich bzw. erforderlich die benutzte Fassung und/oder Partitur
    * Aufführungsdauer
    * Ausgaben, aufgegliedert nach Medium
  2. Nach Möglichkeit wurde bei der jeweiligen Interpretation die (möglichst) genaue Aufführungsdauer ermittelt; bei mehrsätzigen Werken wird zunächst die Gesamtdauer angegeben, dann in Klammern die Dauer der einzelnen Sätze; ein * vor der Angabe der Gesamtdauer bedeutet, dass die betreffenden Angaben sowohl zur Gesamtzeit wie zu den einzelnen Sätzen mit Hilfe einer Stoppuhr bzw. des CD-Timers festgestellt worden sind (wodurch Vergleiche mit anderen Aufnahmen möglich werden); anderenfalls stammen die Angaben aus anderen Quellen (meistens dem Booklet oder einer Website). Die Abkürzung NAA weist darauf hin, dass die betreffenden Angaben den Datenbanken des Niederländischen Audiovisuellen Archivs Hilversum (jetziger Name: NIBG) entnommen wurden. Falls nicht anders vermerkt, beziehen sich die Zeitangaben auf die CD-Ausgabe(n). In einigen Fällen wurde - meistens bei Live-Aufnahmen - von eigenen Mitschnitten von Rundfunk- bzw. Fernsehkonzerten ausgegangen; diese Angaben werden mit ** bezeichnet; in diesem Fall können die Werte allerdings, einerseits bedingt durch die Bandmaschinen der betreffenden Rundfunkgesellschaft, andererseits aber auch durch nicht immer exakte Laufzeiten von Plattenspielern, etwas differieren.
  3. Bei den Angaben der einzelnen Ausgaben wurden diese nach den diversen Tonträgern eingeteilt: 78 = Platte mit 78 Umdrehungen/Minute (Schellackplatten); LP = Langspielplatte; CD = Compact Disc (inkl. SACD); LD = Laserdisc; Kass. = Kassette; DVD = Digital Video Disc bzw. Digital Versatile Disc, und mp3. Wenn statt der Angabe eines Labels *** erscheint, bedeutet dies, dass die betreffende Aufnahme nicht „öffentlich" (legal oder als Pirat), sondern nur privat erschienen und unter Liebhabern im Umlauf ist. Nur in seltenen Fällen werden solche Aufnahmen, etwa um Vergleiche zu ermöglichen, aufgenommen. Vor allem bei Anthologien mit kleineren Vokalwerken diverser Komponisten wird hinter der Labelbezeichnung kursiv der Name angegeben, unter dem die Ausgabe erschienen ist (z.B. Laudate), damit sie sich leichter zurückfinden lassen.
  4. Verweise, die sich auf die Sekundärliteratur beziehen (wie van Zwol usw.), lassen sich anhand der Bibliografie aufschlüsseln (s. dort).
  5. Die automatische Umsetzung vor allem slawischer Namen in HTML-Sprache ist leider nicht immer konsequent verlaufen, so dass die betreffenden Zeichen manchmal in Buchstaben ohne Akzentzeichen umgeändert werden mussten.

     

Bibliografie

Deutsche Bibliographie. Schallplatten-Verzeichnis. Hrsg. von der Deutschen Bibliothek, Abt. Deutsches Musikarchiv Berlin. Ab 1974

Flich, Ludwig: Bruckner-Diskografie. In: Bruckner Jahrbuch 1981, S. 229-234 und 1987/88, S. 117-126

Geffen, Paul: Anton Bruckner (1824-1896). Compositions/ Recordings/ Bibliography/ Links. Internet [last edit: 7.4.2001]

Grasberger, Renate: Werkverzeichnis Anton Bruckner (WAB). Tutzing 1977

Harten, Uwe u.a. (Hrsg.): Anton Bruckner. Ein Handbuch. Salzburg: Residenz Verlag o.J. [1997?]

Howie, A. Crawford: Bruckner Scores. The Bruckner Journal, Website (2004 - 2007)

Kutsch, Karl J. Und Leo Riemens: Unvergängliche Stimmen: Sängerlexikon. United Media 2000

Langevin, P.G. [= Paul-Gilbert]: Bruckner. Lausanne: L'Âge d'Homme 1975 (Bd. 1) u. 1977 (Bd. 2); Diskografie: Bd. 2, S. 353-377 

Lovallo, Lee T.: Anton Bruckner. A Discography. Berkeley (CA): Fallen Leaf 1991 (= Fallen Leaf reference books in music 6)

Nohl, Paul-Gerhard: Lateinische Kirchenmusiktexte. Geschichte - Übersetzung - Kommentar. Kassel usw.: Bärenreiter 3. Aufl. 2002

Osborne, Richard: The Gramophone Collection Bruckner. In: The Gramophone 1991, August, S. 35-38 [berücksichtigt leider nur die Symphonien]

Pâris, Alain: Lexikon der Interpreten klassischer Musik im 20. Jahrhundert. Übers. Rudolf Kimmig, Einl. Peter Gülke. München/Kassel: Deutscher Taschenbuch Verlag / Bärenreiter Verlag 1992

Arno Schuh: Orgelwebsite

Suda, Mitsuru: [Anton Bruckner Discography 1996-2001]. Sonderdruck aus: Bruckner Musical Documents, Vol. 2. Tokyo o.J. [2005]

Weber, J.F.: Bruckner. New York 1971 (= Discography Series, X; Privatdruck), Neuaufl. 1975

Zwol, Cornelis van: De Bruckner-Gesamtausgabe in vogelvlucht. Eine Serie von 23 Artikeln, erschienen in der niederländischen Musikzeitschrift Mens en Melodie zwischen 2002 und 2005. 
ders., Beihefte zu den diversen CD-Ausgaben von Thomas Kerbl, Brucknerhaus Linz
ders., Anton Bruckner 1824-1896. Leven en werken. Bussum: Uitgeverij Thoth 2012 (782 S.!) (in der Diskografie zitiert als Van Zwol Bruckner-Biografie)